Michael Feichtinger

Akzelerierte Städte: Urban Citizenship und die Stadt als Topos der Zukunftsproduktion

Mit dem Begriff der Autopoiesis wird die Eigenschaft von Systemen charakterisiert, sich mittels „ihrer eigenen Dynamik als unterschiedlich vom umliegenden Milieu [zu] konstituier[en]“ [1]. Ähnlich wie eine sich derartig selbst herstellende Einheit kann auch die Praxis des Urban Citizenship verstanden werden. Als selbstermächtigendes bottom-up Projekt [2] erzeugt sie durch eine rein immanente Organisation nicht nur ein neues Innen, sondern auch einen Rand bzw. eine Grenze – und damit nicht zuletzt ein Außen. So wird ein lokal begrenzter Raum geschaffen, in dem neue, unmittelbare Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden.

Dennoch lässt sich, kritischer gewendet, vermuten, dass das Projekt Urban Citizenship unter das „folk-political thinking“ [3] fällt – so bezeichnen Nick Srnicek und Alex Williams die Tendenz der Linken zu Emanzipations- und Widerstandsstrategien, die sich durch Lokalität, Unmittelbarkeit und Nichtskalierbarkeit auszeichnen. Diese Charakteristika würden, so Srnicek und Williams, im Weiteren dazu führen, dass ein gegenhegemoniales Projekt als Alternative zum globalen Kapitalismus durch derartig mikropolitische Emanzipationsstrategien unerreichbar bleibt.

In meinem Vortag werde ich akzelerationistische Potentiale im Konzept des Urban Citizenship kartographieren, welche letztlich verhindern, dass dieses als umfassende Widerstandsstrategie in gegenwärtigen Mikrowiderständen kollabiert. Dafür arbeite ich sowohl räumliche als auch zeitliche akzelerationistische Potentiale des Urban Citizenship heraus. Erstere beziehen sich vor allem auf die Beschleunigung der Differenzmaschine Stadt und die subversive Aneignung der technologischen Infrastruktur. Das zeitliche akzelerationistische Potential zeige ich anhand der Produktion neuer Zukünfte durch das Urban Citizenship.


[1] Maturana, Humberto R./Varela, Francisco J. (2009): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln der menschlichen Erkenntnis. Berlin: Fischer, 54.
[2] Schilliger, Sarah (2018): Urban Citizenship. Teilhabe für alle – da, wo wir leben. In: Aigner, Heidrun/Kumnig, Sarah [Hg.]: Stadt für Alle! Analysen und Aneignung. Wien: Mandelbaum, 21.
[3] Srnicek, Nick/Williams, Alex (2015): Inventing the Future. Postcapitalism and a World without Work. London/New York: Verso, 9.

Michael Feichtinger

Michael Feichtinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand in Chemie am Vienna Biocenter. Außerdem studiert er Philosophie und Theater-, Film- und Medienwissenschaften im Master. Zurzeit finalisiert er seine Masterarbeit zu Félix Guattaris Ökosophie, in welcher er den konzeptuellen Rahmen von Guattaris ökosophischem Denken als fruchtbare Position im Anthropozändiskurs stark macht.

Neueste Publikationen: Feichtinger, Michael (2019). The Obstinate Real: Barad, Escobar, and Object-Oriented Onto-logy. Open Philosophy, 2 (1), 86-97.
Feichtinger, Michael (2019). Akzeleration der Prekarität: Analyse neuer Emanzipationsmodelle im kognitiven Kapitalismus mit Gilles Deleuze und Félix Guattari. Momentum Quarterly -Zeitschrift für sozialen Fortschritt, 8 (1), 26-40.