Fortschritt und Rückgriff. Die Tannenberg als modernisierte Form gebrochener Schriften

Die Tannenberg wird heute als Stereotyp nationalsozialistischer Schrift wahrgenommen. Sie wurde 1929 von Erich Meyer für die D. Stempel AG entworfen, 1934 in Blei gegossen, auf den Markt gebracht und schließlich nach 1945 als Ausgeburt des Nationalsozialismus abgestempelt und zur Seite geschoben. Dieser blinde Fleck der Schriftgeschichte bedarf einer Aufarbeitung.
Die stilistischen Auffälligkeiten im abgedruckten Schriftbild der Tannenberg sind der Ausgangspunkt für die kunsthistorische Forschungsarbeit. Das Grundskelett der Buchstaben lässt sich als Rückgriff auf die gotische Textura identifizieren. Der Fortschritt besteht in der Vereinfachung der Form, die charakteristischen Endstriche werden abgetrennt. Die Serifenlose Linear-Antiqua, welche heute mehr denn je zum Einsatz kommt, steht in einem ähnlichen Verhältnis zu ihrer historischen Ursprungsform.
Eine klassische kunsthistorische Stilkritik bringt keinen weiteren Erkenntnisgewinn. Die Erweiterung dieser Methode um Michael Viktor Schwarz‘ Theorie, dem Stil die Funktion als Medium zuzuschreiben, stellt sich als gewinnbringend heraus. Unter Beachtung McLuhans medientheoretischen Leitsatzes „the medium is the message“, lässt sich folgende These aufstellen: Die Schriftform überbringt den Rezipient_innen eine Nachricht. Sie fügte sich in die Schriftlandschaft ihrer Zeit ein und wurde durch die Modernisierung der gotischen Form zur Überbringerin der Botschaft des Fortschritts. Hans Andree bezeichnete sie treffend als die „Gotisch des Maschinenzeitalters“.
Obwohl diese Schrift heute in einer digitalisierten Version vorliegt, steht der Anwendung im zeitgenössischen Grafikdesign die ideologische Konnotation im Weg. Kann die Tannenberg heute auch fernab von brauner Ideologie eingesetzt werden?


Edda Thürriedl, BA

thuerriedl_fotoEdda Thürriedl befindet sich momentan in der Abschlussphase des Masterstudiums Kunstgeschichte an der Universität Wien. Ihre Masterarbeit beschäftigt sich mit modernisierten Formen gebrochener Schriften am Beispiel der Tannenberg. Im Laufe ihres Studiums behandelte sie unter anderem die Anfänge niederländischer Stilllebenmalerei des 16. Jahrhunderts und italienische Druckgrafik des 17. und 18. Jahrhunderts.

Berufliche Erfahrung sammelte sie im Bereich Kulturmanagement in Wiens Museen.

Kontak: edda.thuerriedl@gmail.com