Die Konstruktion des Homo Europaeus in Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts  

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche „typischen” Eigenschaften „dem” Europäer – oder einem idealtypischen zivilisierten Menschen – in verschiedenen Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts direkt oder ex negativo durch den Vergleich mit Menschen anderer Weltgegenden zugeschrieben werden. Es wird untersucht, ob, wie und warum die Überlegenheit Europas und der Europäer aufgrund körperlicher, moralischer oder intellektueller Eigenschaften konstruiert wird und welche kulturelle Vorannahmen in die vermeintlich wissenschaftlich neutrale Anthropologie einfließen. Als Quellengrundlage dienen jeweils zwei französisch-, deutsch- und englischsprachige Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts, die durch ihren Anspruch, Wissen in einer größeren Öffentlichkeit zu verbreiten, gute Quellen der sozial konstruierten, kollektiven Wissensstände einer Gesellschaft sind. Diese Wissensstände sollen anhand der angewandten Methode der historischen Semantik nach Rolf Reichardt untersucht und ihre soziale „Konstruiertheit” betont werden.
Die Untersuchung der Enzyklopädien zeigt, dass von der biologischen Einheit der Menschheit und der historischen Entstehung von intellektuellen, moralischen, kulturellen und ästhetischen Differenzen ausgegangen wird, wodurch der Homo Europaeus nicht als eindeutig fixierte und exklusive Gruppe von Menschen angesehen werden kann, sondern als Idealtypus des zivilisierten, gebildeten, schönen Menschen, dem die Europäer am ehesten entsprechen, den aber aufgrund der grundsätzlichen Bildungs- und Zivilisierungsfähigkeit auch andere Menschen erreichen können. Durch diese Kombination aus Fortschritts- und Einheitsgedanken sowie durch die Suche nach „objektiven” Gründen für die festgestellten Unterschiede wird das Überlegenheitsgefühl der Europäer gestärkt, da sie es „geschafft” hätten, sich intellektuell, kulturell, moralisch und zivilisatorisch so viel weiter zu entwickeln und dabei die ursprüngliche Schönheit erhalten hätten.


Lena Kornprobst, BA BA

Lena Kornprobst hat die Bachelorstudiengänge Geschichte und Romanistik/Spanisch abgeschlossen und studiert nun im Master Globalgeschichte und Global Studies. Sie interessiert sich vor allem für die Geschichte des spanischen Kolonialreiches, Lateinamerikas und der USA sowie für Wissenschafts- und Wirtschaftsgeschichte und die Konstruktion von Identitäten, Gruppenzugehörigkeiten, Selbst- und Fremdbildern. Weiters hat sie an dem an der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelten ERC-Projekt SCIRE („Social Cohesion, Identity and Religion in Europe, 400-1200”) als Projektmitarbeiterin mitgewirkt.

Mailadresse: lena.kornprobst@chello.at