Queerness als Stereotyp. Mythisierte Darstellung von sexueller Normabweichung im Spielfilm 

Der Vortrag geht der Ursache stereotyper Darstellungen androgyner Filmcharaktere auf den Grund. Besonders bezüglich der Aspekte Gewalt, Tod, Begehren, Abjektheit und situativer Stagnation wird im Spielfilm der letzten Jahrzehnte auf stereotype Darstellungskonzepte zurückgegriffen. Es gilt herauszufinden, woher diese Rückgriffe stammen und ob sie auf einen gemeinsamen Ursprung hindeuten. Ich vertrete die These, dass sie sich in Teilen auf die Schriften Ovids und Platons zurückführen lassen, die die mythische Entstehung von Geschlechtern, Sexualität und Begehren definieren.

Bezugnehmend auf diese Ursprungsmythen müssen zur Betrachtung des Themenkomplexes zuallererst Mythen- und Filmtheorie (Lévi-Strauss, Barthes, Eliade, Pannenberg, Stiglegger) herangezogen werden. Performativitätstheorie (Fischer-Lichte) wird zur Erklärung angewandter ritueller, realitätskonstituierender Praktiken genutzt. Der Gender- und Queerdiskurs (Mulvey, Butler) muss, verbunden mit dem vorhandenen Diskurs um androgyne Figurenkonzepte (Aurnhammer, Raehs) einfließen, sofern es um Darstellungen von Queerness geht, bei denen Rückgriffe auf Ursprungsmythen nicht offensichtlich sind.

Methodisch wird eine Verbindung von Literaturdiskurs- und Filmsequenzanalyse angestrebt. Ein diskursanalytisches Vorgehen, angelehnt an Foucault, scheint zielführend, sofern es die einzelnen Diskurse als untrennbar miteinander verknüpft. Das Medium Film wird daher nicht nur als Forschungsgegenstand gesehen, sondern als Teil des Diskurses selbst. Begleitend werde ich Filmsequenzen aus den Spielfilmen Orlando (1992), Boys don’t cry (1999), Die Passion Christi (2004) und XXY (2008) zeigen, um eine gemeinsame Grundlage für meine Ausführungen zu schaffen.

Ziel des Vortrags ist, archetypische Figurenideale zu dekonstruieren, um sie anschließend auf ein kollektiv zugrundeliegendes Prinzip zurückzuführen, das ich in rituellen, mythischen Strukturen vermute, die filmischen Darstellungen androgyner, hermaphroditischer und generell nicht heteronormativer Figuren zugrunde liegen.


 Queerness als Stereotyp. Mythisierte Darstellung von sexueller Normabweichung im Spielfilm

Der Workshopbeitrag befasst sich mit dem Problem der Normativierung in den Gender- und Queer Studies. Seit die Unterscheidung zwischen Sex und Gender immer weiter ausdifferenziert wird, gibt es Bestrebungen, sie ebenso detailliert kategorisierbar zu machen. Im Forschungsbereich der Gender- und Queer Studies findet man sich nicht selten mit dem Problem konfrontiert, an vorhandene, normative Denkweisen anknüpfen zu müssen, ohne die eingefahrenen Strukturen weiter zu festigen.

Ausgehend von dieser Beobachtung möchte ich im Workshop Probleme bipolarer Geschlechternormierung sowie sexueller Normativitätsvorstellungen thematisieren. Im Fokus stehen dabei die Dekonstruktion vorhandener Strukturen sowie eine Orientierung hin zu einem zielführenden Umgang mit Geschlechtergrenzen. Ein gewagter Zukunftsblick richtet sich auf die bisher abstrakte Idealvorstellung der Einführung eines dritten Geschlechts und deren (un)möglicher Umsetzung.

Theoretisch verortet sich mein Beitrag an den Schnittstellen zwischen Kulturwissenschaften (Schlicht, Raehs, Kleinberger/Stiglegger), Geschlechtswissenschaften (Butler, Duggan, de Beauvoir), dem Gender- und dem Medizindiskurs (Butler, Zehnder, Lang, Klöppel). Ausgehend von Butlers These der kulturellen Matrix der Intelligibilität erscheint mir die Suche nach Möglichkeiten zur Überwindung dieser Matrix wichtig, die diskursübergreifend stattfinden muss. Methodisch umfasst der Beitrag daher einen interdisziplinären, diskursiven Ansatz ausgehend von geschlechterwissenschaftlicher Perspektive. Es soll ein Versuch gewagt werden, die genannten Perspektiven diskursanalytisch zusammenzubringen.

Ziel des Beitrags ist, zum ‚Queer‘-denken innerhalb von Methode und Forschung zu ermutigen und zu kritischem Hinterfragen homo-, hetero- und gendernormativer Vorstellungen anzuregen. Ich möchte dazu anstoßen, alternative Geschlechter- und Rollenbilder zu diskutieren, um nicht zuletzt Synergieeffekte und neuen Input für weitere Forschungen in diesen Bereichen zu generieren.


 Lisboa Schlösser, MA

schloesser_fotoArbeitet seit 2015 am Dissertationsprojekt mit dem Arbeitstitel „Perspektiven filmischer Überwindung der bipolaren Geschlechternorm durch Rückgriffe auf mythisches Potenzial“ an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Studierte 2008 bis 2014 Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft im Bachelor sowie Medienkultur mit Schwerpunkt Filmwissenschaft im Master an der Universität Siegen.

Die aktuellen Forschungsschwerpunkte und Interessen liegen auf kulturtheoretischen Betrachtungen des Androgynen im Film, Filmanalyse und –ästhetik, Mythen- und Körpertheorie sowie Queer- und Genderstudies.

Kontakt: Lio.Schloesser@t-online.de