Von Koryphäen, Wissenschaftlern und WissenschaftlerInnen: Kann gendersensible Sprache zur Reduktion bildungsrelevanter Geschlechterstereotype beitragen? 

Geschlechterstereotype haben massiven Einfluss auf Bildungskarrieren von Männern und Frauen (z.B. Kollmayer, Schober & Spiel, 2016). Im vorliegenden Beitrag wird untersucht, ob die Verwendung gendersensibler Sprache dazu beitragen kann, Geschlechterstereotype in bildungsrelevanten männlich konnotierten Kontexten (Leistungsexzellenz, Wissenschaft) zu reduzieren. Zur Beantwortung dieser Frage wurden zwei experimentelle Studien durchgeführt, in denen versucht wurde, die Salienz, d.h. die Auffälligkeit und Zugänglichkeit, von Geschlechterstereotypen durch die Verwendung unterschiedlicher Sprachformen zu manipulieren. Den TeilnehmerInnen (N1=391, N2=114) wurde in beiden Studien zunächst randomisiert ein Stimulus-Text entweder im generischen Maskulinum oder in gendersensibler Sprache (Sparschreibung: Versalien-I) vorgegeben. Danach kamen zwei verschiedene innovative Verfahren zur impliziten Erfassung der Salienz von Geschlechterstereotypen zum Einsatz: in Studie 1 das Koryphäen-Problem (Stöger, Ziegler & David, 2004) und in Studie 2 der Draw-a-scientist-Test (Chambers, 1983). Die Ergebnisse aus Studie 1 zeigen, dass das Lesen eines Textes in gendersensibler Sprache vor der Bearbeitung des Koryphäen-Problems zu signifikant höheren Lösungshäufigkeiten führte, wobei dieser Effekt bei geschlechterdifferenzierter Betrachtung nur bei Frauen, nicht aber bei zu beobachten ist. Studie 2 zeigte, dass Männer mehr stereotyp männliche WissenschaftlerInnen zeichneten als Frauen, und zwar unabhängig davon, ob sie einen Text im generischen Maskulinum oder in gendersensibler Sprache gelesen hatten. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Verwendung gendersensibler Sprachformen zumindest bei Frauen zur Reduktion der Salienz von Geschlechterstereotypen in männlich konnotierten Domänen beitragen könnte. Dieser Effekt zeigt sich aber nur in einem der gewählten Indikatoren für Geschlechterstereotype. Die Ergebnisse werden diskutiert und Implikationen für die Praxis werden abgeleitet. 

Literatur
Chambers, D. (1983). Stereotypic images of the scientist: The draw-a-scientist test. Science Education, 67, 255–265.
Kollmayer, M., Schober, B. & Spiel, C. (2015). Gender stereotypes in education: Development, consequences, and interventions. European Journal of Developmental Psychology. DOI: 10.1080/17405629.2016.1193483.
Stöger, H., Ziegler, A., & David, H. (2004). What is a specialist? Effects of the male concept of a successful academic person on the performance in a thinking task. Psychology Science, 46(4), 514–530.


Mag. Marlene Kollmayer

kollmayer_fotoStudienrichtung: Doktoratsstudium Psychologie

Forschungsinteressen: Geschlechterstereotype in der Bildungssozialisation, subtile Mechanismen der Aufrechterhaltung von Geschlechter-stereotypen, gendersensible Sprache

E-Mail: marlene.kollmayer@univie.ac.at

Mag. Franziska Kurka, MSc.

kurka_fotoStudienrichtung: Masterstudium Psychologie, Diplomstudium PhilosophieForschungsinteressen: Geschlechterforschung in der Psychologie – insbesondere Kategorienkonstruktion, Geschlechterstereotype und -rollen, bildungspsychologische Kontexte und Geschlecht, Gender Studies in der Philosophie, Erkenntnistheorie, Ontologie, Ethik.

E-Mail: franziska_kurka@gmx.at