Wie die Deutschen zu Hunnen wurden. Kontinuität und Diskontinuität des Hunnen-Stereotyps zwischen dem 19. Jahrhundert und der britischen Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg 

Im Ersten Weltkrieg verbreitete sich durch britische Propagandisten der negativ konnotierte Terminus „The Hun“ und mit ihm ein spezifisches Hunnenstereotyp in Großbritannien als Dysphemismus des Kriegsgegners Deutschland. Entscheidend verhalfen deutsche Massaker in Belgien und das daraus resultierende ‚Rape of Belgium‘-Narrativ zum Durchbruch des neuen Stereotyps. Dabei bezog sich die Propaganda auf ein im 19. Jahrhundert aktives Stereotyp der Hunnen, welches diese als barbarisch, wild, furchtlos und skrupellos gelten ließ. Im Vortrag werden das alte sowie das im Weltkrieg neue erschaffene Hunnenstereotyp beleuchtet und Fragen nach deren Kontinuität und Diskontinuität gestellt. Zusätzlich werden Funktionen von nationalen Stereotypen beleuchtet. Der Vortrag baut auf die historische Stereotypenforschung nach Hans Henning Hahn auf. Der Fokus des theoretischen Rahmens liegt dabei auf drei Hauptfunktionen von nationalen Stereotypen: der Stabilisierung des eigenen Systems, der Mobilisierung der Bevölkerung sowie der Schaffung von Feindbildern. Im Vortrag wird die These verfolgt, dass die drei Funktionen bei der Verwendung des Hunnenstereotyps durch die britische Kriegspropaganda zur Geltung gekommen sind und mit den Zielen der Propaganda korrelierten. Methodisch kommt es zu einer qualitativen Auswertung einiger Quellen wie etwa Gemälde, Theaterstücke, Zeitungsartikel, Kriegsposter und Postkarten, die das jeweilige Hunnenstereotyp im besonderen Maße repräsentieren. Dabei werden zwei Ziele verfolgt: Zum einen wird gezeigt, dass es sich um zwei völlig verschiedene Hunnenstereotype handelt, deren verbindendes Element die Bezeichnung „Hunne“ sowie negativ konnotierte Adjektive wie barbarisch, mörderisch, gnadenlos und gottlos sind. Zum anderen wird gezeigt, welche bedeutende Rolle Kaiser Wilhelms Hunnenrede von 1900 sowie der deutsche Überfall auf das neutrale Belgien 1914 bei der Erschaffung des neuen Hunnenstereotyps spielten.


Martin Kristoffer Hamre, B.A.

hamre_fotoStudienrichtung: M.A. European History, ein internationaler Studiengang an der Humboldt-Universität zu Berlin, derzeit jedoch im Studium am King’s College London und zuvor ein Semester an der Universität Wien.

Forschungsinteressen: Europäische Geschichte des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, transnationale Geschichte, Nationalismus und Faschismus, nationale Stereotypenforschung.

martin@hamre.de